Leserzuschrift: „kriegstüchtig“

Herrn Dr. R. Habeck!
Nun weiß ich nicht, ob ich die Generation, die den letzten Krieg nicht erlebt/erlitten hat beglückwünschen oder bemitleiden soll.
Haben Sie doch weder die posttraumatischen Belastungen, die sie nachts nicht würden schlafen lassen, noch aber auch den abgrundtiefen Hass gegen alles Kriegerische.
„Wir müssen kriegstauglich werden!“
Ja, wir mussten das:
- dreimal nachts geweckt von heulenden Sirenen, Voralarm, Vollalarm,
- rennen ohne Taschenlampe (verboten!) bei Dunkelheit in den Hochbunker flüchten,
- die atem-raubenden Kunstnebelschwaden (aus dem Nebelfass) einatmen, die das nahegelegene Werksgelände einnebeln sollten.
- Dazu Heulen und Krachen und berstende Nacht,
- die Suchscheinwerfer der Flak am Himmel, halt jetzt haben sie einen Bomber im Visier.
- Wird er nun seine Bombenlast direkt über uns abladen oder von einer Flakgranate getroffen werden und mit seinen Restbomben hier explodieren ?
- Heulen und Krachen auch im Bunker, das war eine Bombe, die unseren Bunker getroffen hatte. Dafür war er aber damals noch sicher, aber hoffentlich hat er den Ausgang nicht beschädigt, damit wir hier auch wieder herauskommen.
- Ein Schrei auch hier drinnen, die Hochschwangere gebiert Ihr Kindlein ohne Hebamme und Arzt, kriegstüchtig eben.
- Nach den Angriffswellen über die zerstörten Straßen nach Hause,
- die Häuser der Klassenkameraden je Trümmerhaufen,
- einmal dann auch das eigene Elternhaus, Haus der Kindheit!
- Aber kriegstüchtig suchen wo jetzt bleiben und schlafen, bis die nächste Angriffswelle kommt.
Wie gesagt posttraumatische Belastungen, die das 90-jährige Gehirn nicht mehr schlafen lassen. Aber auch unbedingte Erfahrung und der Wille „Nie wieder Krieg und Frieden schaffen ohne Waffen!“
Jubel über die Initiative von Willy Brandt und seine demütige Geste in Warschau, die über „vertrauensbildende Maßnahmen“ dann Friedensverhandlungen bis zur Wiedervereinigung möglich machten.
Und was sagen wir den Kriegsertüchtigern? Wir haben keine Worte nur unsere bedauernden Erfahrungen und Eindrücke. Gott möge uns schützen vor falschen Entscheidungen und der Eskalation zu erneutem Erfahren dieses Horrors. Die uns nachfolgende Generation möge dies nie erfahren, bitte!
Dr. Gerhard Loettel, Pfarrer i. R. 55583 KH
(7.01.2025)