»Die Basis muss selbst aktiv werden«
Interview: Marc Bebenroth
Helga Lemme ist Kinderärztin in Leipzig und Mitglied des erweiterten Vorstandes des »Aufstehen«-Trägervereins
In der medialen Wahrnehmung ist es um die Sammlungsbewegung »Aufstehen« sehr ruhig geworden. Wie ist es um das 2018 gestartete und von vielen längst totgesagte Projekt bestellt?
»Aufstehen« ist wieder im Aufwind. Wir haben einige neue Gruppengründungen in unserer Bewegung. Und wir haben auch organisatorisch Fortschritte gemacht, indem wir jetzt einen Basisrat haben. Das ist ein großer Schritt in Richtung Basisdemokratie. Vorher haben wir gefragt, wer mitmachen möchte. Über 250 Leute haben sich beworben. Am Ende losten wir 32 Vertreter aus, zwei aus jedem Bundesland. Der Basisrat soll den Vorstand beraten, und wir wollen gemeinsam die Strategie für die Bewegung ausarbeiten.
Was sind die wichtigsten Aufgaben für den Basisrat?
Die Verbindung zur Basis herstellen. Die Ortsgruppen sind in ihrer Anzahl zuletzt leider deutlich geschrumpft. Aber mittlerweile wachsen sie wieder. Und die Vertreter des Basisrates sollen in ihren Ländern Kontakt zu diesen Gruppen aufnehmen und die Vernetzung der Gruppen herstellen.
Wie positioniert sich »Aufstehen« zu den Auseinandersetzungen, die innerhalb der Linkspartei ausgebrochen sind, etwa rund um den Ukraine-Krieg und die Friedensbewegung?
Die Bewegung ist damals im wesentlichen von Sahra Wagenknecht ins Leben gerufen worden. Und wir stehen nach wie vor als linke Sammlungsbewegung hinter ihr. Wobei links für uns bedeutet: Kampf für soziale Gerechtigkeit und Kampf für Frieden. Wir sind allerdings überparteilich. Im allgemeinen fragen wir nicht nach Parteizugehörigkeit. Anhänger oder Mitglieder von rechten Parteien sind jedoch ausgeschlossen.
Ja, wobei es nicht so ist, dass wir jede Woche miteinander reden. Aber wir haben vor kurzem erst eine große Videokonferenz zur Einführung des Basisrates und zu unserem Manifest abgehalten. Da war sie anwesend. Insgesamt haben über 600 Leute daran teilgenommen. Sie unterstützt uns durchaus.
Bereitet sich »Aufstehen« auf ein mögliches Auseinanderbrechen von Die Linke vor?
Wir wollen keine Partei gründen und uns auch nicht an einer Neugründung beteiligen. Man sieht in Frankreich, dass Bewegungen in dieser Zeit wichtig sind und Menschen eine Heimat bieten müssen, die sich nicht parteilich organisieren wollen. Insofern spielen diese innerparteilichen Auseinandersetzungen in unserer Bewegung im Grunde keine Rolle. Aber wenn eine neue Partei entsteht, sind wir auch zu einer Zusammenarbeit entsprechend unserem Gründungsaufruf bereit.
Wie blicken Sie auf die Zeit seit der Gründung von »Aufstehen«? Welche Fehler wurden damals gemacht?
Aus meiner Sicht wurden von Anfang an organisatorische Fehler gemacht, als Strukturen überhaupt noch nicht vorhanden waren. Zu Beginn haben sich sehr viele Leute bei uns angemeldet. Das waren über 170.000. Inzwischen haben wir noch ungefähr 90.000 Menschen, die unseren Newsletter abonnieren. Dieser Rückgang hat sich zunächst deprimierend auf die Bewegung ausgewirkt. Viele Gruppen sind eingeschlafen, nachdem der erste Hype vorbei war. Der Vorstand des Trägervereins besteht jetzt aus fünf Menschen und es gibt auch einen erweiterten Vorstand, dem ich angehöre. Wir können nicht überall vor Ort sein und organisieren. Die Basis muss selbst aktiv werden und darf nicht darauf warten, dass alles von oben kommt. Das ist das Schwierige an so einer Bewegung.
Was hat es mit dem Manifest auf sich?
Das soll eine strategische Weiterentwicklung des Gründungsaufrufs sein und wird aus drei Teilen bestehen. Der erste ist schon fertig. Darin entwickeln wir eine Vision für die Bewegung, wo es hingehen soll, und wie wir uns die Gesellschaft vorstellen. Das stellen wir jetzt passagenweise zur Diskussion. Derzeit erarbeiten wir den zweiten Teil, eine Analyse insbesondere der neoliberalen Entwicklung der letzten 23 Jahre, wie die Menschen betrogen wurden durch jene sogenannte Reformpolitik. Im dritten Abschnitt soll es um die Wege gehen, auf denen wir unsere Vision erreichen können. Das wird der schwierigere Teil sein. Aber sicher auch der spannendste. Wenn der Prozess abgeschlossen ist, wird das Manifest der Bewegung zur Abstimmung gestellt.