aufstehen-Speyer, Teil der Friedensinitiative in Speyer, verbreitet den nachfolgenden Text, weil er die Debatten und Entwicklungen der letzten Jahre aus dem Blickwinkel einer entschiedenen Pazifistin zusammenfasst.

Für das Regionalfernsehen wurde folgender Beitrag erstellt:
https://www.youtube.com/watch?v=MnV53ozr3QU


Speyerer Friedensinitiative
Treffen: 14-tägig, jeweils am Mittwoch, in den geraden Kalenderwochen,
19 Uhr, Eckpunkt Speyer
Kontakt: friedensp@posteo.de

Verschiedene Berichte, die aus unserer Sicht die Situation in der Ukraine gut wiedergeben, findet Ihr hier:
https://machmit.aufstehen.de/mitmachen/images/FriedenSchaffen2022.html

…

Antje Vollmers Vermächtnis einer Pazifistin: „Was ich noch zu sagen hätte“ (berliner-zeitung.de),

Antje Vollmer war Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und hat als Erstunterzeichnerin das Friedensmanifest von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer unterschrieben. Vollmer ist Pazifistin und war Gegnerin des Kosovo- , Irak- und Afghanistan-Krieges. Als Autorin hat sie sich intensiv mit den Akteuren des 20. Juli 1944 und dem antifaschistischen Widerstand beschäftigt. Antje Vollmer ist schwer erkrankt. Man kann ihren Text als politisches Vermächtnis lesen – er ist eine große Abrechnung mit dem Zeitgeist.

ANTJE VOLLMER


„…und wehret Euch täglich. Ein grünes Tagebuch“ (1984) Antje Vollmer wurde am 31. Mai 1943 in Lübbecke, Westfalen, geboren. Sie ist ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Grünen-Politikerin. Sie erhält unter anderem die Carl-von-Ossietzky-Medaille (1989), den Hannah-Arendt-Preis (1998) und den 2002 den Masaryk-Orden der tschechischen Republik für Verdienste um die deutsch- tschechische Aussöhnung (verliehen durch Staatspräsident Vaclav Havel). Sie schrieb zahlreiche Bücher, unter anderem: „…und wehret Euch täglich. Ein grünes Tagebuch“ (1984), „Heißer Frieden. Über Gewalt, Macht und das Geheimnis der Zivilisation“ (1995), „Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop“ (2010), „Stauffenbergs Gefährten“ mit Lars Broder-Keil (2013).

Vermächtnis einer Pazifistin“ von Antje Vollmer
Ich stand auf dem Bahnhof meiner Heimatstadt und wartete auf den ICE. Plötzlich näherte
sich auf dem Nebengleis ein riesiger Geleitzug, vollbeladen mit Panzern – mit Mardern,
Geparden oder Leoparden. Ich kann das nicht unterscheiden, aber ich konnte geschockt das
Bild lesen. Der Transport fuhr von West nach Ost.
Es war nicht schwer, sich das Gegenbild vorzustellen. Irgendwo im Osten des Kontinents
rollten zur gleichen Zeit Militärtransporte voller russischer Kampfpanzer von Ost nach West.
Sie würden sich nicht zu einer Panzerschlacht im Stile des Ersten Weltkrieges irgendwo in der
Ukraine treffen.
Nein, sie würden diesmal erneut den waffenstarrenden Abgrund zwischen zwei Machtblöcken
markieren, an dem die Welt sich vielleicht zum letzten Mal in einer Konfrontation mit
möglicherweise apokalyptischem Ausgang gegenübersteht. Wir befanden uns also wieder im
Kalten Krieg und in einer Spirale der gegenseitigen existenziellen Bedrohung – ohne Ausweg,
ohne Perspektive. Alles, wogegen ich mein Leben lang politisch gekämpft habe, war mir in
diesem Moment präsent als eine einzige riesige Niederlage.

Bei Geschichte ist es immer wichtig, von welchem Anfang man sie erzählt
Es ist üblich geworden, zu Beginn jeder Erwähnung der ungeheuren Tragödie um den
Ukraine-Krieg wie eine Schwurformel von der „Zeitenwende“, vom völkerrechtswidrigen
brutalen Angriffskrieg Putins bei feststehender Alleinschuld der russischen Seite zu reden und
demütig zu bekennen, wie sehr man sich geirrt habe im Vertrauen auf eine Phase der
Entspannung und der Versöhnung mit Russland nach der großen Wende 1989/90.
Diese Schwurformel wird wie ein Ritual eingefordert, wie ein Kotau, um überhaupt weiter
mitreden zu dürfen. Die Feststellung ist ja auch nicht falsch, sie verdeckt aber häufig genau
die zentralen Fragen, die es eigentlich zu klären gäbe.
Wo genau begann die Niederlage? Wo begann der Irrtum? Wann und wie entstand aus einer
der glücklichsten Phasen in der Geschichte des eurasischen Kontinents, nach dem nahezu
gewaltfreien Ende des Kalten Krieges, diese erneute tödliche Eskalation von Krieg, Gewalt und
Blockkonfrontation? Wer hatte Interesse daran, dass die damals mögliche friedliche
Koexistenz zwischen Ost und West nicht zustande kam, sondern einem erneuten weltweitem
Antagonismus anheimfiel?
Und dann die Frage aller Fragen: Warum nur fand ausgerechnet Europa, dieser Kontinent mit
all seinen historischen Tragödien und machtpolitischen Irrwegen, nicht die Kraft, zum
Zentrum einer friedlichen Vision für den bedrohten Planeten zu werden?
Für die Deutung historischer Ereignisse ist es immer entscheidend, mit welchen Aspekten
man beginnt, eine Geschichte zu erzählen.

Russlands große Vorleistung des Gewaltverzichts
Ich widerspreche der heute üblichen These, 1989 habe es eine etablierte europäische
Friedensordnung gegeben, die dann Schritt um Schritt einseitig von Seiten Russlands unter
dem Diktat des KGB-Agenten Putin zerstört worden sei, bis es schließlich zum Ausbruch des
Ukrainekrieges kam.
Das ist nicht richtig. Richtig ist: 1989 ist eine Ordnung zerbrochen, die man korrekter als „Pax
atomica“ bezeichnet hat, ohne dass eine neue Friedensordnung an ihre Stelle trat. Diese zu
schaffen, wäre die Aufgabe der Stunde gewesen. Aber die visionäre Phantasie Europas und
des Westens in der Wendezeit reichte nicht aus, um sich das haltbare Konzept einer stabilen
europäischen Friedensordnung auszudenken, das allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion
einen Platz verlässlicher Sicherheit und Zukunftshoffnungen anzubieten vermocht hätte.
Zwei Gründe sind dafür entscheidend. Beide haben mit alten europäischen Irrtümern zu tun:
Zum einen wurde der umfassende wirtschaftliche und politisch Zusammenbruch der
Sowjetunion 1989 einseitig als triumphaler Sieg des Westens im Systemkonflikt zwischen Ost
und West interpretiert, der damit endgültig die historische Niederlage des Ostens besiegelte.
Dieser Hang, sich zum Sieger zu erklären, ist eine alte westliche Hybris und seit jeher Grund
für viele Demütigungen, die das ungleiche Verhältnis zum Osten prägen.
Die Unfähigkeit, nach so umfassenden Umbrüchen andere gleichberechtigte Lösungen zu
suchen, hat in dieser fatalen Überheblichkeit ihre Hauptursache. Vor allem aber wurde so das
ungeheure und einzigartige Verdienst der sowjetischen Führung unter Michail
Gorbatschow mit einer verblüffenden Ignoranz als gerngesehenes Geschenk der Geschichte
eingeordnet: Die große Vorleistung des Gewaltverzichts in der Reaktion auf das
Freiheitsbestreben der Völker des Ostblocks galt als nahezu selbstverständlich.

Michail Gorbatschow hat viele seiner Bürger enttäuscht
Das aber war es gerade nicht. Bis heute ist erstaunlich, ja unfassbar, wie wenig Gewicht dem
beigemessen wurde, dass die Auflösung eines sowjetischen Weltimperiums nahezu gewaltfrei
vonstatten ging. Die naive Beschreibung dieses einmaligen Vorgangs lautete dann etwa so:
Wie ein Kartenhaus, hochverdient und unvermeidlich, sei da ein ganzes System in sich
zusammengesackt.
Dass gerade diese Gewaltfreiheit das größte Wunder in einer Reihe wundersamer Ereignisse
war, wurde kein eigenes Thema. Sie wurde vielmehr als Schwäche gedeutet. Es gibt aber
kaum Vorbilder in der Geschichte für einen solchen Vorgang. Selbst die schwächsten
Gewaltregime neigen gerade im Stadium ihres Untergangs gesetzmäßig dazu, eine Orgie von
Gewalt, Zerstörung und Selbstzerstörung anzurichten und alles um sie herum in ihren eigenen
Untergang mitzureißen – wie exemplarisch beim Untergang des NS-Reiches zu sehen war.
Die Sowjetunion des Jahres 1989 unter Gorbatschow, wiewohl politisch und wirtschaftlich
geschwächt, verfügte über das größte Atompotential, sie hatte eigene Truppen auf dem
gesamten Gebiet ihrer Herrschaft stationiert. Es wäre ein Leichtes gewesen, das alles zu
mobilisieren. Das wurde ja auch von vielen Vertretern des alten Regimes vehement gefordert.
Mit dem historischen Abstand wird noch viel deutlicher, welche staatsmännische Leistung es
war, lieber „Helden des Rückzugs“ (Enzensberger) zu sein, als in einem letzten Aufbäumen als
blutige Rächer und Schlächter von der Geschichte abzutreten. Die Wahl, die Michail
Gorbatschow fast allein getroffen hat, hat ihm nicht zuletzt die Enttäuschung vieler seiner
Bürger eingebracht. Es hieß, er habe nachträglich den Großen Vaterländischen Krieg verloren.

Die großen Reformer haben Mut bewiesen, sie werden heute gerne vergessen
Wie ein stummes Mahnmal gigantischer europäischer Undankbarkeit steht dafür der
erschreckend private Charakter der Trauerfeier um den wohl größten Staatsmann unserer
Zeit auf dem Moskauer Prominenten-Friedhof. Es wäre ein Gebot der Stunde gewesen, dass
die Granden Europas Michail Gorbatschow, der längst im eigenen Land isoliert war, ihre
Hochachtung und ihren Respekt erwiesen hätten, indem sie sich vor ihm verneigten.
Zumindest aus Deutschland, das fast ihm allein das Glück der Wiedervereinigung verdankt,
hätte ein Bundespräsident Steinmeier an diesem Grab stehen müssen. Die Einsamkeit um
diesen Toten war unerträglich. So nutzte ausgerechnet Viktor Orban die Chance, diesen
Boykott einer angemessenen Würdigung zu unterlaufen. Es bleibt ein beschämendes Zeichen,
ein Menetekel historischer Ignoranz. Wenige Tage später drängelten sich die Repräsentanten
des europäischen Zeitgeistes dann alle mediengerecht am Grab der englischen Queen und
des deutschen Papstes Benedikt XVI.
Bis heute ist mir schwer verständlich, warum es nicht zumindest eine Demonstration der
Dankbarkeit bei den eigentlichen Profiteuren dieses Gewaltverzichtes, bei den Bewegungen
der friedlichen Bürgerproteste gegeben hat. Gerade sie hatten ja hautnah die Ängste
erfahren, was alles hätte passieren können, wenn es 1989 in Ost-Berlin eine ähnliche
Reaktion wie bei den Studentenprotesten in Peking gegeben hätte.
Und tatsächlich ist ein Teil der heutigen Zurückhaltung im Osten Deutschlands gegenüber der
einseitigen Anprangerung Russlands wohl dieser anhaltenden Dankbarkeit zuzuschreiben.
Mediale Wortführer und Interpreten aber wurden andere – und sie wurden immer dreister.
Immer kleiner wurde in ihren Interpretationen der Anteil am Verdienst der Gewaltfreiheit auf
sowjetischer Seite, immer wirkmächtiger wurde die Legende von der eigenen großartigen
Widerstandsleistung.
Alle kundigen Zeitzeugen wissen genau, dass der Widerstand und der Heldenmut von Joachim
Gauck, Marianne Birthler, Katrin Göring-Eckardt durchaus maßvoll war und den Grad
überlebenstüchtiger Anpassung nicht wesentlich überschritt. Manche Selbstbeschreibungen
lesen sich allerdings heute wie Hochstapelei. Sie verschweigen oder verkennen, was andere
Kräfte zum großen Wandel beitrugen und dass mancher Reformer im System keineswegs
weniger Einsatz und Mut gewagt hatte.

Billige antirussische Ressentiments
Das mag menschlich, allzu menschlich sein und also nicht weiter erwähnenswert. Fatal
allerdings ist, dass dieser Teil der Bürgerrechtler heute zu den eifrigsten Kronzeugen eines
billigen antirussischen Ressentiments zählt. Dies knüpft dabei bruchlos an jene Ideologie des
Kalten Krieges an, die vom berechtigten Antistalinismus über den verständlichen
Antikommunismus bis hin zur irrationalen Slawenphobie viele Varianten von westlichen
Feindbildern bis heute prägt.
Die wichtigsten Fragen, die heute zwischen Ost und West verhandelt werden müssten,
lauten: Was bedeutet es eigentlich, eine europäische Nation zu sein? Was unterscheidet uns
von anderen? Welche Fähigkeiten muss eine Nation erwerben, um dazuzugehören? Was sind
die Lehren unserer Geschichte? Welche Ideale prägen uns? Welche Irrtümer und

Verbrechen? Diese Fragen werden in aller Deutlichkeit wachgerufen am Beispiel der Ukraine
und ihres Abwehrkampfes gegen die russische Aggression.

Europa sollte nicht immer auf der Suche nach Schurkenstaaten sein
In unseren Medien verkörpert die Ukraine das Ideal und Vorbild einer freiheitsliebenden
westlichen Demokratie heroischen Zuschnitts. Die Ukraine, so heißt es, kämpfe nicht nur für
ihre eigene Nation, sondern zugleich für die universale historische Mission des Westens. Wer
sich machtpolitisch behauptet, wer seine Existenz mit blutigen Opfern und Waffen verteidigt,
gilt als Bollwerk für die europäischen Ideale der Freiheit, koste es, was es wolle. Wer aber den
Weg des Konsenses, der Kooperation, der Verständigung und der Versöhnung sucht, gilt als
schwach und deswegen als irrelevant, ja als verachtenswert. Von daher sind Gorbatschow
und Selenskyj die eigentlichen Antitypen in der Frage, was es heute heißt, Europäer zu sein
und die europäischen Tugenden zu verkörpern.
Neben diesem Hang zum Heroischen und zur Selbsterhöhung liegt hier die Wurzel, die ich für
den Grundirrtum einer europäischen Identität halte: das scheinbar unausrottbare Bedürfnis
nach nationalem Chauvinismus. Jahrhundertelang haben nationale Exzesse die Geschichte
unseres Kontinents geprägt. Keine Nation war frei davon: nicht die Franzosen, schon gar nicht
die Briten, nicht die Spanier, nicht die Polen, nicht die Ukrainer, nicht die Balten, nicht die
Schweden, nicht die Russen, noch nicht einmal die Tschechen – und schon gar nicht die
Deutschen.
Es ist ein fataler Irrtum, zu meinen, durch den Widerstand gegen die anderen imperialen
Mächte gewinne der eigene Nationalismus so etwas wie eine historische Unschuld. Das ist
Selbstbetrug und einer der folgenschwersten europäischen Irrtümer. Er verführt auch heute
noch viele junge Demokratien dazu, sich nur als Opfer fremder Mächte zu sehen und die
eigene Gewaltgeschichte, die eigenen Gewaltphantasien für berechtigt zu halten. Was Europa
immer wieder zu lernen hatte und historisch meist verfehlte, ist die Kunst der
Selbstbegrenzung, der friedlichen Nachbarschaft, der Fairness, der Wahrung gegenseitiger
Interessen und des Respektes voreinander. Was Europa endlich verlernen muss, ist das
ständige Verteilen von Ketzerhüten, das Ausmachen von Achsen des Bösen und von immer
neuen Schurkenstaaten.

Die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher
Ach Europa! Jedes Mal, wenn wieder eine der großen Krisen und Kriege des Kontinents
überstanden war – nach dem 30-jährigen Krieg, nach dem Feldzug Napoleons gegen
Russland, nach zwei Weltkriegen, nach dem Kalten Krieg –, konnte man hoffen, der
machtpolitische Irrweg sei nun durch bittere Erfahrung widerlegt und gebe einem
überlebenstüchtigeren Weltverständnis endlich Raum. Und jedes Mal fielen wie durch einen
Fluch die Völker Europas wieder der Versuchung anheim, den Weg der Dominanz und der
Konfrontation zu gehen.
Umso wertvoller ist aber das große Gegenbeispiel: Gorbatschows Hoffnung, dass auch für alle
ehemaligen Staaten der Sowjetunion eine neue Sicherheitsordnung möglich sei, die den
unterschiedlichen Sicherheitsbedürfnissen gerecht werden würde, war in der Charta von Paris
durchaus angedacht als Raum gemeinsamer wirtschaftlicher und politischer Kooperation
zwischen dem alten Westeuropa und den neuen östlichen Staaten. Das war damals auch die

Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Aber es gab keinen Plan, kein Konzept,
die Vision war einfach zu undeutlich.

Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden
Wie schnell sich wieder das Gefühl des leichten Triumphes einstellte, lässt sich an einem
traurigen Beispiel gut ablesen: am Umgang mit Jugoslawien. Jugoslawien gehörte zu den
blockfreien Staaten, es hatte sich rechtzeitig vom Stalinismus gelöst und die
jahrhundertealten nationalen Rivalitäten aus der Zeit der Donau-Monarchie einigermaßen
befriedet. Es wäre nichts leichter gewesen, als diesem Jugoslawien als Ganzem 1989 eine
Öffnung nach Europa und zur EU anzubieten.
Es hätte Zeit gebraucht, aber es wäre möglich gewesen. Man hätte nur darauf verzichten
müssen, dem nationalen Drängen der Slowenen und Kroaten zu schnell nachzugeben und das
neue Feindbild der aggressiven Serben zu pflegen. Solche Weisheit allerdings fehlte völlig im
Überbietungswettstreit um die Anerkennung neuer Nationalstaaten auf dem Balkan. Der
bosnische Bürgerkrieg, Srebrenica, die Zerstörung Sarajewos, Hunderttausende Tote und
traumatisierte Menschen, der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der Nato gegen Belgrad, die
völkerrechtswidrige Anerkennung des Kosovo als selbständiger Staat, das vielfältige
Aufbäumen von neuen nationalen Chauvinismen wären vermeidbar gewesen.

Was bedeutet das alles für die unmittelbare Gegenwart und für die deutsche Politik im Jahre
2023?
Die Koordinaten haben sich entscheidend verschoben. Bis zum Ende der Regierung Schröder
konnte man davon ausgehen, dass gerade Deutschland aus der Zeit der Entspannungspolitik
einen privilegierten Zugang, zumindest einen gewissen Spielraum zum Konfliktausgleich
zwischen den großen geopolitischen Spannungsherden innehatte. Diese Zeit ist endgültig
vorbei.
Ungefähr im Jahre 2008 begann Putin, dem Status quo zu misstrauen und seinen
Machtbereich gegen den Westen auszurichten. Deutschland begann, sich als europäischer
Riegenführer im neuen Konzept der Nato zu definieren. Im Rahmen der Reaktionen auf den
Ukrainekrieg rückte es endgültig ins Zentrum der antirussischen Gegenstrategien. Das
begrüßenswerte, aber medial vielgescholtene Zögern des Kanzlers Olaf Scholz war zu wenig
von einer haltbaren politischen Alternative unterfüttert und geriet so ins Rutschen.
Wirtschaftlich und politisch zahlen wir dafür einen hohen Preis. Der deutsche
Wirtschaftsminister bemüht sich, die alten Abhängigkeiten von Russland und China durch
neue Abhängigkeiten zu Staaten zu ersetzen, die keineswegs als Musterdemokratien
durchgehen können. Die Außenministerin ist die schrillste Trompete der neuen
antagonistischen Nato-Strategie.
Ihre Begründungen verblüffen durch argumentative Schlichtheit. Dabei wachsen die
Rüstungskosten und der Einfluss der Rüstungs- und Energiekonzerne ins Unermessliche. Der
Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden, die für die Rettung des Planeten und gegen die Armut
des globalen Südens dringend gebraucht würden. Das aufsteigende China aber wird
propagandistisch als neuer geopolitischer Gegner ausgemacht und in der Taiwan-Frage
ständig provoziert. Das sind alles keine guten Auspizien.

Der Frieden und das Überleben des ganzen Planeten
Und dennoch: Wenn mich nicht alles täuscht, steht Europa kurz vor der Phase einer großen
Ernüchterung, die das eigene Selbstbild tief erschüttern wird. Für mich aber ist das ein Grund
zur Hoffnung. Der so selbstgewisse Westen muss einfach lernen, dass die übrige Welt unser
Selbstbild nicht teilt und uns nicht beistehen wird. Die eilig ausgesandten Sendboten einer
neuen antichinesischen Allianz im anstehenden Kreuzzug gegen das Reich der Mitte scheinen
nicht besonders erfolgreich zu sein.
Wie konnten wir nur annehmen, dass das große China und die Hochkulturen Asiens die Zeit
der willkürlichen Freihandels- und Opiumkriege je vergessen würden? Wie sollte der
leidgeprüfte afrikanische Kontinent die zwölf Millionen Sklaven und die Ausbeutung all seiner
Bodenschätze je verzeihen? Warum sollten die alten Kulturen Lateinamerikas den spanischen
und portugiesische Konquistadoren ihre Willkürherrschaft vergeben? Warum sollten die
indigenen Völker weltweit das Unrecht illegaler Siedlungen und Landraubs einfach
beiseiteschieben in ihrem historischen Gedächtnis?
Meine Hoffnung besteht darin, dass sich aus all dem eine neue Blockfreienbewegung ergeben
wird, die nach der Zeit der vielen Völkerrechtsbrüche wieder am alleinigen Recht der UNO
arbeiten wird, dem Frieden und dem Überleben des ganzen Planeten zu dienen.

Die Grünen waren mal Pazifisten
Meine ganz persönliche Niederlage wird mich die letzten Tage begleiten. Gerade die Grünen,
meine Partei, hatte einmal alle Schlüssel in der Hand zu einer wirklich neuen Ordnung einer
gerechteren Welt. Sie war durch glückliche Umstände dieser Botschaft viel näher als alle
anderen Parteien.
Wir hatten einen echten Schatz zu hüten: Wir waren nicht eingebunden in die
machtpolitische Blocklogik des Kalten Krieges. Wir waren per se Dissidenten. Wir waren
gleichermaßen gegen die Aufrüstung in Ost wie West, wir sahen die Gefährdung des Planeten
durch ungebremstes Wirtschaftswachstum und Konsumismus. Wer die Welt retten wollte,
musste ein festes Bündnis zwischen Friedens- und Umweltbewegung anstreben, das war eine
klare historische Notwendigkeit, die wir lebten. Wir hatten dieses Zukunftsbündnis greifbar in
den Händen.
Was hat die heutigen Grünen verführt, all das aufzugeben für das bloße Ziel, mitzuspielen
beim großen geopolitischen Machtpoker, und dabei ihre wertvollsten Wurzeln als lautstarke
Antipazifisten verächtlich zu machen?

Gegen Hass und den Krieg
Ich erinnere mich an meine großen Vorbilder: Die härtesten Bewährungsproben hatten die
großen Repräsentanten gewaltfreier Strategien immer in den eigenen Reihen zu bestehen.
Gandhi hat mit zwei Hungerstreiks versucht, den Rückfall der Hindus und Moslems in die
nationalen Chauvinismen zu stoppen, Nelson Mandela hatte äußerste Mühe, die
Gewaltbereitschaft seiner jungen Mitstreiter zu brechen, Martin Luther King musste sich von
den Black Panthers als zahnloser Onkel Tom verhöhnen lassen. Ihnen wurde nichts geschenkt.
Und das gilt auch heute für uns letzte Pazifisten.

Der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der
Menschheit, gerade in Zeiten großer Krisen und existentieller Ängste. Heute aber gilt: Wer die
Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planeten, der muss den
Hass und den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption

(Quelle: Berliner Zeitung, 01. März 2023, 10 Uhr)