Offene Mail – Erklärung des Erzbischofs von Canterbury zum Gutachten des IGH zu Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten

Ursula Mathern 15. August 2024

Bachstr. 24

55627 Merxheim

urs.math@gmx.net

An

die Ratsvorsitzende der EKD

Frau Bischöfin Kirsten Fehrs

bischofskanzlei@bkhh.nordkirche.de;

den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz

Herrn Dr. Georg Bätzing, Bischof von Limburg

pressestelle@dbk.de;

den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland

Herrn Erzpriester Radu Constantin Miron

info@ack-oec.de;

den Präsidenten der Vereinigung evangelischer Freikirchen

Herrn Präses Marc Brenner

buero@vef.de;

Offene Mail

Erklärung des Erzbischofs von Canterbury zum Gutachten des IGH zu Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

vor knapp zwei Wochen gab der Erzbischof von Canterbury eine Erklärung ab, in der er das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs über die Präsenz Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten begrüßte. Gleichzeitig forderte er die Regierungen auf der ganzen Welt auf, den „zutiefst schädlichen Trend“ der „selektiven Aufrechterhaltung des Völkerrechts“ umzukehren.

Der Staat Israel habe „dem palästinensischen Volk Würde, Freiheit und Hoffnung verweigert“, die Beendigung der Besatzung palästinensischer Gebiete sei „eine rechtliche und moralische Notwendigkeit“.

 

Zur vollständigen Erklärung von Erzbischof Justin Welby s. Erklärung des Erzbischofs von Canterbury zum Gutachten des IGH zu Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten | Der Erzbischof von Canterbury (archbishopofcanterbury.org

 

Er betont, das Völkerrecht schütze unsere gemeinsame Menschlichkeit. Um zu verhindern, dass Folter, Geiselnahme und willkürliche Gewalt zur Norm werden, müsse es unter allen Umständen angewandt werden.

Aus seinem Beitrag geht hervor, dass er aufgrund vieler Besuche die Lage der Palästinenser vor Ort kennt. Er spricht von systemischer Diskriminierung des Besatzungsregimes, von Landraub für illegale Siedlungen, vom Entzug des Zugangs der Palästinenser zu ihren eigenen natürlichen Ressourcen und der Einführung eines Militärregimes, das Palästinensern Sicherheit und Gerechtigkeit verweigert.

Sein Gebet sei, dass alle UN-Mitgliedstaaten positiv auf dieses Gutachten reagieren, indem sie sicherstellen, dass ihre individuellen und gemeinsamen Handlungen damit übereinstimmen – und den Weg für die Verwirklichung des Grundrechts des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung ebnen.:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wer die Situation der Palästinenser in den letzten 10 Monaten kontinuierlich mitverfolgt, die Bilder aus dem zerstörten Gazastreifen und das Leiden der Menschen gesehen sowie sich auch etwas gründlicher mit der Geschichte der Region beschäftigt hat, kann diese Stellungnahme nur als wohltuend empfinden.

Die deutsche Regierung wie auch das Gros des Bundestages dagegen stellen sich weiter bedingungslos an die Seite Israels und stehen an zweiter Stelle, was Waffenlieferungen an Israel anbelangt.

Und die hiesigen Kirchen?

Rechtfertigen die Verbrechen der deutschen Vergangenheit, Verrat und Massenmord an jüdischen Mitbürgern, zweifellos auch von weiten Teilen der hiesigen Kirchen ideologisch unterstützt oder stillschweigend hingenommen, nun den neuerlichen Verrat an den Palästinensern?

Oder wird mit dieser Haltung nicht doch eine grundverkehrte Schlussfolgerung aus der speziell deutschen Geschichte gezogen, nämlich einfach nur weiter Unheil auf Unheil gehäuft, wenn nicht gar völlig andere Interessen bedient werden?

Wie ich heute las, gibt es Differenzen zwischen unterschiedlichen Gruppierungen orthodoxer Juden. Eins aber sei ihnen gemeinsam; die Verweigerung des Militärdienstes. Das finde ich mal imponierend! Manche von ihnen machen sich auch stark für die Rechte der Palästinenser. Nicht anders die Jüdische Stimme, die sich hierzulande seit Jahren für einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern engagiert. Warum wird sie nicht gehört, sondern im Gegenteil immer wieder versucht, sie mundtot zu machen? Warum kommt sie in den Medien nicht vor?

Was könnte gerade Christinnen und Christen, die sich doch zu einem Mensch gewordenen Gott bekennen, wichtiger sein als der Schutz der gemeinsamen Menschlichkeit?

 

Ich denke, wenn Kirchen sich hierzulande noch einmal überzeugend Gehör verschaffen wollen, dann kommen sie nicht umhin, ihre Position zu überdenken, sich entschieden auf die Seite der Opfer zu stellen und der Existenz und der Selbstbestimmung der Palästinenser genau dasselbe Recht einzuräumen wie Israel, und zwar öffentlich.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ursula Mathern